Entzündung – Ein zweischneidiges Schwert
Eine historische Exkursion – von „inflammatio“ zu multiplen Entzündungen
Wenige Konzepte in der medizinischen Theorie sind so beständig wie das der Entzündung. Das Wort stammt aus dem Lateinischen „inflammatio“ und wird vermutlich von dem römischen Enzyklopädisten Aulus Cornelius Celsus im 1. Jahrhundert n. Chr. eingeführt. Später übernahm die galenische Medizin den Begriff und beschrieb ihn anhand der fünf klassischen Symptome: rubor (Rötung), tumor (Schwellung), calor (Wärme), dolor (Schmerz) und functio laesa (Funktionsstörung).
Mit der Entwicklung der medizinischen Mikroskopie im 19. Jahrhundert änderte sich das Verständnis: Was zuvor als reine Folge eines erhöhten Blutflusses gesehen wurde, erwies sich als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Zellen, Zytokinen und Signalwegen. Heute gilt Entzündung als vielschichtige Antwort des Organismus auf tatsächliche oder wahrgenommene Schädigung.
Wesentlich ist die Unterscheidung zwischen akuter und chronischer Entzündung. Während akute Entzündungen meist selbstlimitierend verlaufen, ist die chronische Entzündung eine länger anhaltende Reaktion, die mit degenerativen Prozessen und chronischen Erkrankungen assoziiert werden kann.
Aktuelle Forschungsarbeiten (z. B. Hotamisligil 2017; Furman et al. 2019) weisen darauf hin, dass systemische niedriggradige Entzündung nicht nur bei Autoimmunerkrankungen, sondern auch bei Stoffwechsel- und Tumorerkrankungen eine Rolle spielt. Diese Zusammenhänge werden als Teil komplexer immun-metabolischer Netzwerke diskutiert.
Wie misst man systemische Entzündungen?
Zur Bewertung systemischer Entzündungen stehen verschiedene Marker zur Verfügung, etwa das C-reaktive Protein (CRP) oder daraus abgeleitete Indizes. Ein neuerer Ansatz ist der Systemic Immune-Inflammation Index (SII), berechnet aus Thrombozyten-, Neutrophilen- und Lymphozytenzahlen (Liu et al. 2019). In Studien wird er als integrativer Marker beschrieben, der den Entzündungsstatus reflektieren kann.
Darüber hinaus werden Zytokine als differenzierte Marker genutzt. Proinflammatorische (IL-1β, IL-2, TNF-α), antiinflammatorische (IL-4, IL-10) und gemischte Zytokine (IL-6, IL-13) erlauben eine genauere Einordnung immunologischer Aktivität (Koelman et al. 2019).
Entzündung und Langlebigkeit
Im Kontext der Alternsforschung wurde der Begriff „Inflammaging“ geprägt – ein Anstieg proinflammatorischer Marker mit dem Alter (Capuron et al. 2017). Studien legen nahe, dass nicht der absolute Wert, sondern das Gleichgewicht zwischen pro- und antiinflammatorischen Prozessen entscheidend für gesundes Altern sein könnte.
Beobachtet wird, dass auch Personen mit sehr hoher Lebensdauer teils erhöhte proinflammatorische Marker aufweisen, gleichzeitig jedoch durch hohe Spiegel antiinflammatorischer Moleküle (z. B. lösliche TNF-Rezeptoren) geschützt sein können. Bewegung spielt hierbei eine Rolle: körperliche Aktivität wirkt antiinflammatorisch und wird mit besseren Altersprofilen in Verbindung gebracht (El Assar et al. 2022; Suzuki 2019).
Werkzeuge zur Beeinflussung von Entzündungen
Ernährung
Untersuchungen zeigen, dass Ernährungsgewohnheiten mit systemischer Entzündung assoziiert sind (Malesza et al. 2021). Eine westlich geprägte Ernährung mit hohem Anteil an Zucker, gesättigten Fetten und verarbeitetem Fleisch korreliert mit ungünstigen Entzündungsprofilen. Im Gegensatz dazu stehen pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Ernährungsweisen in Verbindung mit günstigeren Biomarkern. Eine Analyse der UK Biobank (Hepsomali & Groeger 2022) diskutiert zudem mögliche Zusammenhänge zwischen Ernährung, Entzündung und Schlafqualität.
Körperliche Aktivität
Körperliche Aktivität wird in zahlreichen Studien als protektiver Faktor beschrieben, da sie oxidativen Stress reduziert und entzündungshemmende Signalwege unterstützt (El Assar et al. 2022). Neben funktionellen Vorteilen wird diskutiert, dass Bewegung intrazelluläre Reparaturmechanismen stärkt und so Alterungsprozesse positiv beeinflusst.
Neuromodulation und der cholinerge antiinflammatorische Weg
Ein weiterer Ansatz in der Forschung ist die Rolle des Vagusnervs. Bereits vor rund 20 Jahren beschrieb Tracey den sogenannten „cholinergen antiinflammatorischen Reflex“ (Tracey 2002). Hierbei wird über vagale Signale die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine gehemmt. Dieser Mechanismus wird sowohl in experimentellen als auch in klinischen Kontexten untersucht (Kölliker-Frers et al. 2021).
Studien zur nicht-invasiven Vagusnervstimulation (nVNS) berichten, dass sie Biomarker wie TNF-α und IL-8 in bestimmten Patientengruppen modulieren könnte. Beispielsweise wurden Effekte bei Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und onkologischen Kontexten beschrieben (z. B. Singh et al. 2019). Diese Ergebnisse sind jedoch vorläufig, methodisch unterschiedlich und erfordern größere, kontrollierte Studien, um belastbare Schlüsse zu ziehen. Die Nennung kommerzieller Geräte in diesen Studien (z. B. „Parasym“) ist Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichung, ersetzt jedoch keine Indikationszulassung.
Ausblick
Entzündung bleibt ein zentrales Forschungsfeld mit hoher Relevanz für viele medizinische Disziplinen. Während physiologische Entzündungsprozesse essenziell sind, wird eine chronische Fehlregulation mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Aktuell untersuchen Forscherinnen und Forscher multimodale Strategien – von Ernährung über Bewegung bis hin zu neuromodulatorischen Verfahren. Welche Ansätze sich klinisch etablieren, wird Gegenstand weiterer kontrollierter Studien sein.
Hinweis: Dieser Text dient der neutralen, wissenschaftlichen Information. Er stellt keine medizinische Beratung dar, keine Therapieempfehlung und keine Werbung für bestimmte Produkte. Für individuelle Fragen sollten sich Betroffene an medizinisches Fachpersonal wenden.
Referenzen:
OHAD PARNES, „INFLAMMATION“, 2008, THE LANCET
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